Gedenken und Erinnern zum 9. November – Reichspogromnacht 1938

///Gedenken und Erinnern zum 9. November – Reichspogromnacht 1938

Gedenken und Erinnern zum 9. November – Reichspogromnacht 1938

Gedenken und Erinnern, einen Augenblick innehalten, und sich dessen bewusst werden, was am 9.November 1938 geschah, hat an unserer Schule schon eine längere Tradition und ist in unserem Schuljahreskalender fest verankert. Manche fragen deshalb, warum wir nach nahezu 80 Jahren nach der Reichspogromnacht wieder daran erinnern wollen, warum man dies nicht endlich ruhen lassen kann? Kann und darf man nicht, entgegne ich! Wir können diese Geschichte nicht ruhen lassen, solange der Frieden durch Ausgrenzung, Gewalt und Krieg bedroht ist. Dies haben wir im Laufe des letzten Jahres wieder aufs Neue erfahren müssen. Wenige Tage nachdem wir im letzten Jahr zum Abschluss unserer Gedenkveranstaltung im PZ ein Peace-Zeichen mit den SchülerInnen aus allen Jahrgängen gestellt hatten, das Ausdruck des Wunsches nach Frieden symbolisieren sollte, wurden die terroristischen Attentate in Paris und Brüssel verübt. Der Krieg ist im Zentrum Europas angekommen. Aus der anfänglichen Euphorie der Empfangskultur für die Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten in Syrien ist längst eine auf Angst und Unwissenheit beruhende Ablehnung geworden, die sich vielfach zu Hass und Gewalt gegenüber den Flüchtlingen entwickelt hat.

Wie können wir anders gedenken und aufmerksam machen auf die Bedrohung des Friedens als Vorbedingung für ein gutes Leben? – Diese Chance bot sich mit der Aufführung der szenischen Lesung von „Empfänger unbekannt“ des Kammertheaters Rheinland. „Empfänger unbekannt“, von der amerikanischen Autorin K. Kressman Taylor schon 1938 verfasst, bietet in dem Briefwechsel zweier Freunde eine exakte Analyse der Entwicklung in Deutschland von 1932 bis 1934. Zurückgekehrt aus den USA wandelt sich Martin in Deutschland angekommen schnell vom weltoffenen Bürger zum Karrieristen im Naziregime, der zu seinem jüdischen Freund Max, der in den USA verblieben ist, auf Distanz geht. Den Schauspielern Michael Meierjohann und Wolfgang Müller-Schlesinger gelang es eindringlich mit wenigen Mitteln der Akzentuierung das Zerbrechen der Freundschaft vor dem Hintergrund der dramatischen Entwicklung in Deutschland aufzuzeigen. Aus der innigen Freundschaft zwischen Martin und Max entwickelt sich schnell eine distanzierte Geschäftsbeziehung. Als der Jude Max um das Leben seiner nach Deutschland zurückgekehrten Schwester Griselle bangt und Martin verzweifelt um Hilfe bittet, blockt dieser ab. Die Unterstützung einer Jüdin würde seiner Karriere schaden. Auch will er den Briefwechsel mit seinem jüdischen Freund beenden. Als sich die Situation für Griselle zu einer lebensbedrohlichen Lage zuspitzt, verwehrt er ihr jede Hilfe und überlässt Griselle dem Schicksal der sie jagenden Nazischergen.

Die Lesung wirft viele Fragen auf und gibt den Schülern und Schülerinnen zahlreiche Denkanstöße.

Wie ist es möglich, dass Martin seine jahrelange Freundschaft aufgibt, dass Martin die Schwester des Freundes, zu der er eine Liebesbeziehung hatte, ihrem Schicksal überlässt?

Warum entscheidet sich Martin gegen seinen Freund und für ein menschenverachtendes System? Musste er sich diesem System unterordnen oder hatte er eine Wahl?

Aber auch Max muss sich die Frage gefallen lassen, ob Rache ein legitimes Mittel ist, Martin den Nazis auszuliefern.

Bis zum letzten Augenblick der dramatischen Lesung blieben die 450 Schüler und Schülerinnen der Jahrgänge 10, 11, 12 und 13 gebannt. Im PZ hätte man die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören können. Den anschließenden Gesprächen der Schüler mit den Schauspielern war zu entnehmen, dass das Stück seine Wirkung nicht verfehlt hatte.

Die Fragen, die das Stück aufgeworfen hatte, konnten die SchülerInnen außerdem auch an Herrn Amian stellen. Er hatte sich wieder bereit erklärt als Zeitzeuge die Fragen der Schüler zu beantworten und von seinen Erfahrungen zu berichten. In seiner humorvollen, aber trotzdem ernsten Art konnte Herr Amian den Schülern Eindrücke von seinem Leben als Jugendlicher unter dem Regime des Nationalsozialismus geben. Konnte man Juden helfen, auch wenn es verboten war? Ja, man konnte. Jeder so wie es ihm möglich war. Und wussten die Menschen vom Schicksal der jüdischen Mitbürger. Ja, vielleicht nicht im Detail, aber grundsätzlich war das Schicksal der Menschen, die mitten aus der Bürgerschaft verschwanden und verschleppt wurden, bekannt.

Michael Propers

Von | 2017-04-04T16:07:04+00:00 25. November 2016|Kategorien: Aktuelles|