Der 9. November in einem Schuhkarton. Gedenkveranstaltung 2017 an der Gesamtschule Aachen-Brand

///Der 9. November in einem Schuhkarton. Gedenkveranstaltung 2017 an der Gesamtschule Aachen-Brand

Der 9. November in einem Schuhkarton. Gedenkveranstaltung 2017 an der Gesamtschule Aachen-Brand

Kaiser dankt ab, Hitler putscht, Synagogen brennen und Berliner tanzen auf der Mauer

Der 9. November – ein „Schicksalstag der Deutschen?“ Mit dieser Frage beschäftigte sich die diesjährige Gedenkveranstaltung an der Gesamtschule Aachen-Brand. Im Vorfeld setzten sich Schülerinnen und Schüler der Jahrgänge 9, 11 und 13 in kreativer Weise mit den historischen Ereignissen des 9. Novembers auseinander: In Kleingruppen wurde je ein Schuhkarton zu einem Ereignis zu einem Diorama umgestaltet. Zuvor hatten sich die Schülerinnen und Schüler mit Geschichtsdokumentarfilmen, Darstellungstexten und verschiedenen Quellen ihr Wissen über das jeweilige Thema angeeignet.

Die Schuhkartons, die in vier Räumen thematisch sortiert ausgestellt wurden, sollten dazu dienen, den an der Gedenkveranstaltung teilnehmenden Schülerinnen und Schülern die Kontinuitäten und Brüche der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts vor Augen zu führen. Jeweils an einem 9. November haben sich sowohl fatale als auch erlösende Momente zugetragen. Weitere Informationen, die die Besucher der Gedenkveranstaltung benötigten, um die visuellen Eindrücke mit Wissen zu verknüpfen, vermittelten die Schülerinnen und Schüler des Leistungskurses Geschichte in medial gestützten Kurzvorträgen.

Ausrufung der Republik

1918 wurde durch die Schlagzeile „Der Kaiser hat abgedankt!“ die Monarchie in Deutschland beendet. Beinahe zeitgleich rief Philipp Scheidemann die Republik aus, womit die Geburtsstunde der Weimarer Republik und der ersten parlamentarischen Republik in Deutschland eingeläutet wurde.

Während einige Gruppen in ihren Kartons die Umwandlung von Monarchie zur parlamentarischen Demokratie thematisierten, legten andere Gruppen den Schwerpunkt auf die für die Zukunft Deutschlands konkurrierenden Systeme – demokratische oder sozialistische Republik.

Hitler-Ludendorff-Putsch

Im Jahr 1923 stellte sich der Vorsitzende der NSDAP, Adolf Hitler, an das Rednerpult im Bürgerbräukeller in München, schoss mit einem Revolver in die Decke, erklärte die Reichsregierung in Berlin für abgesetzt und rief die „nationale Diktatur“ aus. Wenige Stunden später endete Hitlers geplanter Marsch nach Berlin blutig bereits an der Feldherrnhalle. Der bayerischen Landespolizei gelang es, den ersten Versuch einer nationalsozialistischen Machtübernahme abzuwehren.

Hier zeigten die Kartons Hitler bei seiner Rede im Bürgerbräukeller, bei seinem Marsch oder in seiner Gefängniszelle, wo er „Mein Kampf“ schrieb.

Reichspogromnacht und Holocaust

1938 kam es zu den Novemberpogromen, wobei die „Reichspogromnacht“ vom 9. auf den 10. November den Höhepunkt der von der NSDAP organisierten deutschlandweiten Ausschreitungen darstellte. Hunderte Menschen fielen den Nationalsozialisten zum Opfer, unzählige wurden misshandelt und gedemütigt. Synagogen wurden abgebrannt, Geschäfte geplündert und Wohnungen der Juden zerstört. Die „Reichspogromnacht“ stellte hierbei den Übergang von öffentlichen Diffamierungen und Ausgrenzungen zu offenen Gewalttaten dar, die im Holocaust ihren Höhepunkt erreichten.

Die Zerstörungswut in den Novemberpogromen zeigten die Dioramen durch brennende Synagogen, geplünderte Geschäfte und verwüsteten Wohnungen.

Fall der Berliner Mauer

Der Fall der Mauer ist vielen Erwachsenen im Gegensatz zur heutigen Schülergeneration noch lebhaft in Erinnerung. Die Massenproteste und der anhalte Ausreisestrom der Bürger in der DDR setzen die SED-Regierung immer weiter unter Druck. Als Günter Schabowski am 9. November 1989 verkündete, dass Ostdeutsche „ohne Vorliegen von Voraussetzungen“ und „sofort, unverzüglich“ ausreisen dürften, löste dies den Fall der Mauer aus und führte letztendlich zur Wiedervereinigung Deutschlands.

Während einige Gruppen hier Glücksmomente – das lang ersehnte Wiedersehen von Freunden und Familienmitgliedern – darstellten, wiesen andere auf die Unterschiede zwischen Ost und West und die für viele Menschen tödliche endende Sperrzone hin.


Rassismus und Rechtspopulismus heute

Aber was haben die Ereignisse des 20. Jahrhunderts mit unserem heutigen Leben zu tun? Diese Frage versuchte der freie Autor und politischer Bildner Richard Gebhardt den Schülerinnen und Schülern abschließend in seinem Vortrag zu beantworten. Dabei ging er ausgehend von den historischen Ereignissen, die zu einem vielfältigen, demokratischen deutschen Staat geführt haben, auf den Rechtspopulismus, dessen Sprache und Absichten ein. Herr Gebhardt thematisierte dabei u.a. die Frage, wer zum deutschen Volk gehöre und regte zum Nachdenken an, ob wir die Beantwortung dieser Frage etwa den Rechtspopulisten überlassen sollten.

Am Beispiel der abfälligen Äußerungen des AfD-Fraktionsvorsitzenden Alexander Gauland über den deutschen Nationalspieler Jerome Boateng und die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration Aydan Özoguz (SPD) wurde das Bewusstsein der Schülerinnen und Schüler für die diskursiven Strategien und typischen Argumentationsmuster geschärft, mittels derer sich rassistisches Gedankengut derzeit wieder auf dem politischen Feld Gehör verschafft. Bleibt zu hoffen, dass der Gedenktag den jungen Menschen dabei hilft, solche Argumentationsmuster künftig leichter zu erkennen und ihnen entschieden und selbstbewusst entgegenzutreten.

Stephanie Alfter

Von | 2017-11-26T12:59:17+00:00 19. November 2017|Kategorien: Aktuelles|